Magazin

Pilze:
Rohstoff der
Zukunft?

Enorme Materialvielfalt:
Lederersatz, plastikartige Folien
oder papierähnliche Filter.

Ob Farbe, Transparenz oder Durchlässigkeit: Die Zusammensetzung der Materialeigenschaften lässt sich beliebig variieren.

Ob Stroh, Holzspäne oder
Essensreste: Pilze wandeln ihre
Wachstumsgrundlage in die
eigene Biomasse um.

Seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich Alexander Bismarck vom Institut für Materialchemie der Universität Wien mit erneuerbaren Materialien – und seit 10 Jahren mit Pilzen.

Pilze liefern eine breite Palette an Ressourcen.

Genießer/innen denken bei dem Wort „Pilz“ möglicherweise an ein herrliches Risotto mit Pilzen oder an eine köstlich belegte Pizza, vielleicht auch an HERMANN, wo Pilze als Schnitzel, Bratstreifen und Co. überzeugen. Pilze sind aber viel mehr als ein nährstoffreiches und schmackhaftes Lebensmittel. Sie sind auch in anderen, teils unerwarteten Bereichen unseres Alltags zu finden. Denn was viele nicht wissen: Auch in Medikamenten werden Pilze eingesetzt, und sogar in Taschen, Möbeln oder Dämmmaterial werden Pilze aller Art verarbeitet. Und damit ist ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft!


Kein Wunder, dass sich Forscher/innen bereits seit einiger Zeit mit dem Pilz als vielversprechendem Rohstoff der Zukunft beschäftigen. Sie suchen laufend nach Möglichkeiten, um neue Materialien aus Teilen von Pilzen herzustellen und unser tägliches Leben damit nachhaltiger – und auch ein bisschen „Schwammerl-freundlicher“ – zu gestalten.

Viele Pilze, viele Möglichkeiten

Seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich Alexander Bismarck vom Institut für Materialchemie der Universität Wien mit erneuerbaren Materialien – und seit 10 Jahren mit Pilzen. Ihn interessiert vor allem, wie sich daraus neue und nachhaltige Materialien herstellen lassen. „Auf den Pilz gekommen“ ist er durch einen ehemaligen Biologen-Kollegen, der ihn auf die besondere Struktur der Pilze aufmerksam machte. Bis dahin hatten Bismarck und seine Kolleg/innen hauptsächlich mit Cellulose gearbeitet, einem Mehrfachzucker, der in grünen Pflanzen als Strukturelement in den Zellwänden steckt.

Das Ziel war und ist, umweltfreundliche Rohstoffalternativen, beispielsweise für Verpackungsmaterialien jeder Art, zu entwickeln. Dass in Pilzen ein ähnlicher Stoff mit enormem Potenzial steckt, wurde erst recht spät forschungsrelevant. Er heißt Chitin und ist ebenfalls ein Mehrfachzucker. Aber im Gegensatz zu Cellulose lässt sich Chitin vergleichsweise einfach aus den Pilzen herauslösen. „Im Prinzip muss man den Pilz nur im Küchenblender zerkleinern, um an die für die Weiterverarbeitung benötigten Elementarfasern zu gelangen. Bei Cellulose ist die Produktion schon wesentlich komplizierter und aufwändiger. Ein klares Plus für die Pilze“, erklärt Bismarck.

Neben der einfachen Materialgewinnung halten die aus dem Pilz gewonnenen Fasern noch einen weiteren großen Vorteil bereit: Die Zusammensetzung der Materialeigenschaften lässt sich beliebig variieren, wodurch eine enorme Vielfalt an unterschiedlichen Materialien möglich ist. Der Pilz wird in kleinste Einzelteile im Nanometerbereich zerlegt und einfach wieder neu zusammengesetzt. So kann man etwa sowohl Lederersatzprodukte als auch plastikartige Folien oder papierähnliche Filter herstellen.

Pilze haben also ein enormes Potenzial für den Einsatz als ökologischer Ersatzrohstoff. Darüber hinaus erschaffen sie aus nicht mehr brauchbaren Abfallprodukten neues Leben – ihr Leben. Pilze sind sehr genügsam und werten organische Nebenprodukte auf, indem sie sozusagen „über sich selbst hinauswachsen“. „Ob Stroh, Holzspäne, Essensreste oder landwirtschaftliche Produkte als Wachstumsgrundlage: Pilze bauen das organische Material ab und wandeln es in ihre eigene Biomasse um. Sie lassen ihr Myzel, das unterirdische Pilzfadengeflecht, in die Umgebung hineinwachsen und produzieren neben ihrer eigenen Biomasse CO2 und Wasser“, so Alexander Bismarck. „Somit liefern uns Pilze eine breite Palette an Ressourcen, auf die wir zurückgreifen können, um sie für die verschiedensten Anwendungsmöglichkeiten weiterzuverarbeiten. Nun muss man sich nur noch entscheiden, ob man an das Chitin und seine Biomasse selbst, an das Myzel oder an das vom Pilz abgebaute Material heran möchte. Und vor allem: Was will man daraus erschaffen?“

Pilze, Rohstoff der Zukunft

Pilze wurden bereits in der Steinzeit auf vielfältigste Art und Weise verwendet. Der Zunderschwammpilz beispielsweise diente als Zündmittel, heute hingegen wird er als Lederersatzstoff genutzt. Insgesamt spielen Pilze zur Materialgewinnung in der Neuzeit aber eine verschwindend geringe Rolle. Bis heute. Denn nun ist die Forschung dem Pilz und seinem Potenzial auf der Spur und kann bereits ein beachtliches Spektrum an Materialien anbieten. Sehr erfolgreich werden schon jetzt sogenannte Mycelium Composites verwendet, sei es als Verpackungsmaterial oder als Dämmung beim Hausbau. Mycelium Composites haben styroporähnliche Eigenschaften und werden aus dem Myzel in Verbindung mit seinem organischen Nährmaterial gewonnen. „Wenn man sich beim Bau mit Termiteninvasionen herumschlagen muss, ist Mycelium Composite eine gute Alternative. Denn Termiten finden Pilze nicht so attraktiv wie wir – im Gegenteil! Sie meiden dieses Material“, erklärt Bismarck schmunzelnd.

Den Vormarsch von Pilzmaterialien verdanken wir übrigens einer Handvoll amerikanischer Unternehmen, die seit etwa 25 Jahren die Forschung zu Mycelium Composites vorantreiben. Damals wurden auf Abfällen der Baumwollproduktion Pilze gezüchtet, die zu Schaumstoffersatz-Material umgewandelt wurden. Seitdem verwendet man Mycelium Composites vor allem als klimaneutrales, kompostierbares Verpackungsmaterial, aber auch als Pilzleder. Inzwischen stellen bereits einige Textil- und Modeunternehmen Teile ihrer Produkte auf den umweltfreundlichen Lederersatzstoff um, es gibt Schuhe aus Myzel, Kleidungsstücke und Accessoires – und die Möglichkeiten für Pilzmaterialien sind damit noch längst nicht ausgeschöpft.

mehr Erfahren: Seite 1| 2|